13. Typisch German?

Uns fällt es nicht schwer den Campingplatz in Bancroft am Vormittag zu verlassen.

Bevor wir unser Ausflugsprogramm starten, müssen wir jedoch leider kurz mal das kanadische Gesundheitssystem testen: Blasenentzündung. Wen wundert´s bei diesen nächtlichen Temperaturen. Es ist Sonntag, also bleibt nur das kleine örtliche Krankenhaus. Als ich bei der Anmeldung das rosa Bändchen um das Handgelenk geklebt bekomme, frage ich nervös, wie lange ich denn bleiben müsste. „Keine Sorge, nicht über Nacht.“ Anderthalb Stunden und mehrere hundert Dollar später sitzen wir im Camper auf dem Weg zum „Eagle ´s Nest“ – ein Wandergebiet mit Blick über die Wälder.

Wir haben den Camper auf dem Parkplatz noch nicht verlassen, da werden wir von einem Mann mit Kamera um den Hals durch die Fliegengittertür angesprochen. Er arbeite für die lokale Presse („Bancroft Newspaper“). Jede Woche fragen sie drei Personen, welche Tradition sie an Halloween pflegen. Ich erkläre ihm, dass wir in Deutschland dieses Ereignis nicht feiern. Wir kommen von einem Thema zum nächsten. Er liebe Deutschland (natürlich) und arbeite zusätzlich noch in einem Baumwipfelpfad-Park. Da müssten wir mal hin. Zurück zum eigentlichen Thema. Mir fällt noch ein, dass ich ihm etwas über das Martinssingen erzählen könnte. Das sei ja ähnlich. Nur ohne Verkleidung und 10 Tage später. Der Reporter wirkt zufrieden. Er fragt, ob er noch ein Foto von uns machen könne. Am Mittwoch werde der Artikel veröffentlicht. Leider nicht online, aber er schicke uns das Foto gerne als Mail zu.

So, jetzt aber angezogen und los.

Ein Mann mit seinen zwei Kindern und einem Freund kommt auf uns zu. Wieviel denn so ein Camper kosten würde? Wo wir herkämen? „Enjoy your day!“

Nun aber wirklich mal auf den Weg gemacht.

Das Wandergebiet bietet mehrere kleine Rundwege – wir gehen alle!

Wanderweg Nr. 1: Wir überholen den Vater mit Kindern und Freund. „Das sind Deutsche, die wandern recht schnell,“ sagt er zu seinen Kids. Aha!

Wanderweg Nr. 2: Die Kinder haben keine Geduld für ein Foto. Sonst würden uns die „Kanadalisten“ überholen. Die wer? Ja, wie heißen die  denn hier?!?!? Der Waldboden klingt beimLaufen irgendwie hohl. Wir machen „typisch deutsch“ eine kleine Rast mit selbst geschmierten Bagels und heißem Tee aus der Thermoskanne. Außer uns ist auch keiner mit Outdoor-Hosen und Wanderschuhen bekleidet. Sondern in Joggingkleidung und Sneakers.

Wanderweg Nr. 3: Ungewöhnlicherweise gehe ich mal vor. Und erschrecke fast zu Tode. Mit spitzem Schrei und einem Sprint nach vorne verwirre ich meine Begleiter. „Eine Schlange!“ Und ich wäre fast draufgetreten. Eine Strumpfbandnatter, wie sich herausstellt. Hätten Schlangen Ohren, dann hätte diese jetzt einen Hörsturz.

Wanderweg Nr. 4: Wir erreichen die Aussichtsplattform und genießen den Weitblick. Während wir verweilen lauschen wir einem Gespräch unter Kanadiern, die sich gerade erst mit der Bitte um ein Foto kennengelernt haben. Unglaublich, was die sich innerhalb kürzester Zeit alles erzählen: wie viel man am Tag arbeite („17 Stunden“ – „I ´m sorry for that“), wo sie herkommen („ursprünglich aus Brasilien“), wo sie früher und jetzt wohnen („in Alberta, jetzt hier“), was man verdiene („enough“).

Wir wandern zurück zum Camper.

Heute wollen wir noch 150 Kilometer in den Süden nach Sandbanks fahren (ein Tipp von Cindys Mann). Bei einem Campingplatz reservieren wir gleich für heute einen Platz. Be einem anderen, der eigentlich schon geschlossen hat, wollen wir aber auch einfach mal nachfragen. Der Mann am Telefon spricht jedoch so ein Kauderwelsch, da komme ich nicht mit. Wir geben es einfach mal bei Google Maps mit ein.

Wir machen uns auf den Weg.

“Kommt von rechts was?“ „Hmm, ja … also..!“ „Was soll ich mit dieser Antwort anfangen?“ „Ja, nur ein kleines Auto, kein Truck!“ Na dann ….

Die Sonne bereitet sich auf den Sonnenuntergang vor, wir haben gute Musik an, die Straße ist frei. Nach diesem Gefühl werden wir uns in einer Woche sehnen.

Wir passieren einen wunderbaren Picknickplatz am See und wenden schnell Hundert Meter weiter. Inzwischen können wir unser Gefährt problemlos auf dem kleinsten Platz hantieren.

Eine herrliche Entscheidung. An einem See bauen wir schnell (und endlich zum ersten Mal) unsere vier Campingstühle und den Tisch auf und genießen ein Kaffeetrinken mit Blick auf den die Sonne spiegelnden See.

Bei der Fahrt fällt uns immer wieder auf, wie unaufgeräumt und teilweise abgerockt die Häuser aussehen (typisch deutsch wäre der Vorgarten natürlich gepflegt und alle Gartengeräte im Schuppen verstaut). Es scheint, als lege man hier mehr Wert auf ein Boot, einen Trailer, ein großes Auto. Diese kosten übrigens zwischen 40.000 und 60.000 Dollar, wie wir bei einem Zwischenstopp mal in Erfahrung bringen.

Was bedeutet dieses Verkehrsschild mit der Pferdekutsche? Aha, wir begegnen mehreren Einspannern auf dem Seitenstreifen. Besetzt mit jeweils einem in schwarz gekleideten Pärchen. In der Gegend scheinen Mennoiten, Hutterer oder Amish angesiedelt zu sein.

Obwohl unser Camper bergauf oder an einer Ampel nur langsam in die Gänge kommt, haben wir es bisher noch nicht erlebt, dass uns andere Autofahrer als störend empfunden haben. Der Umgang auf der Straße ist sehr rücksichtsvoll. Die Kanadier scheinen ohnehin ein Camper-Völkchen zu sein.

Die Straßennamen klingen blumig und nach Filmtiteln: „Beaver Creek“, „Dutch Girl Road“, „Halloway Heights“. An den Straßen die typischen Briefkästen mit rotem Fähnchen.

Schepper!!! Während der Fahrt bricht unsere Duschwand plötzlich aus der Schiene. Wie gut, dass der alles könnende Mann diese bei ununterbrochener Geschwindigkeit wieder reparieren kann.

Wir erreichen den ersten (geschlossenen) Campingplatz. Freundlich werden wir von dem Kauderwelsch-Mann begrüßt, der uns weitere Plätze empfiehlt, bei denen wir nachfragen können. Schade, dass er schon geschlossen habe. Er hätte uns gerne bei sich gehabt, er mag Deutsche.

Zwar im Dunkeln, aber früher als sonst erreichen wir den angesteuerten Campground und fühlen uns gleich wohl. Hier ist alles so schön sauber und ordentlich. Die Erwachsenen machen sich mit zwei Tüten auf den Weg zur Waschmaschine. Und wo sind jetzt die sanitären Anlagen? Mit der Handyleuchte erkunden wir die Gegend. Ahouuuuuu … „Sind das Wölfe?“ … „-„ … „Echt jetzt?“ „Ja, was denn sonst!“ „Ok, wir duschen im Camper!“

 

 

 

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